Stallfeindschaft statt Stallgemeinschaft?

Unsicherheit, Halbwissen, Gerüchte, regionale Unterschiede – die Maßnahmen rund um die Corona-Krise sind für Pferdebesitzer und Stallbetreiber gleichermaßen ein Minenfeld. Rechtsexperten, Landesfachverbände und Pferdetierärzte melden sich zu Wort und geben ihre Stellungnahme zur aktuellen Lage ab. Nahezu täglich erscheint eine neue Interpretation der Ausgangsbeschränkungen/Quarantäne und ihrer Bedeutung in Bezug auf die Pferdehaltung. Und da ist fast alles dabei – von der Versicherung, dass der Besuch und das Bewegen des eigenen Pferdes auf jeden Fall zur Grundversorgung gehört und erlaubt ist, über die Erklärung, dass die Pferdeversorgung (Füttern, Ausmisten, Auslauf, täglich notwendige Pflege) so weit wie möglich vom Einstellbetrieb zu übernehmen ist und der Besitzer nur in dringend notwendigen Fällen (z.B. medizinische Versorgung) in den Stall fahren darf, der Mahnung vor hohen Geldstrafen durch die Exekutive, sollte kein triftiger Grund für das Verlassen der eigenen vier Wände vorliegen – bis hin zur Drohung, dass Stallbetreiber von ihren Einstellern verklagt werden könnten, sollten diese ihr Pferd nach Ablauf eines unzulässigen Betretungsverbotes nicht im „gleichen Zustand“ vorfinden.

 


Befindet man sich dann auch noch in Tirol, wo das Risiko einer Ansteckung und daher auch die verfügten Einschränkungen (Quarantäne aller 279 Gemeinden) noch massiver sind, wird es doppelt schwierig. Inwiefern gelten die Bestimmungen bzw. Ausnahmen, die im Rest des Landes gültig sind, auch hier – oder gelten sie doch nicht? Was gehört denn genau zur Grundversorgung des Pferdes und was dient mehr dem Vergnügen des Besitzers? Nur in einem Punkt scheinen sich die Experten einig zu sein: Beim ,worst case' – nämlich einem Infektionsfall am Hof und einer behördlich verfügten Totalsperre des Betriebs – ist es mit jeglichem ,Publikumsverkehr' definitiv vorbei.

 


Wenn man die Stimmen in den sozialen Medien verfolgt, hört man vor allem Pferdebesitzer/Einsteller, die um ihr Besuchsrecht kämpfen. Viele davon bestimmt zu Recht, weil sie um die Gesundheit ihrer Pferde fürchten (wenn man z.B. Selbstversorger ist, Bewegungsmangel bei Boxenhaltung befürchtet oder ein krankes/verletztes Pferd hat). Aber Hand aufs Herz: In den meisten Pensionsställen kümmern sich die Stallbetreiber wie eh und je um Grundbedürfnisse wie Futter und Auslauf – oder sind zumindest bereit, dies in der momentanen Situation zu übernehmen. Wie oft muss ich mein Pferd wirklich sehen, um sicherzustellen, dass es gesund und gut versorgt ist? Darüber gehen die Meinungen auseinander, und diese Entscheidung ist wohl weitgehend individuell zu treffen.

 


Auf die Lage der Stallbetreiber, die in Corona-Zeiten ebenso schwierig geworden ist, wird hingegen nur selten hingewiesen. Auf Basis ständig wechselnder Angaben müssen sie nun Maßnahmen ergreifen, Regeln aufstellen und gleichzeitig meist ein deutlich höheres Arbeitsaufkommen bewältigen, ohne dass dies großartig auffallen würde. Es dabei allen recht zu machen ist schier unmöglich. Zudem hat jeder Stallbetreiber eine andere Ausgangslage: Wer ein junges Team hat und selbst am Hof lebt, tut sich leichter als jemand, der zB Angehörige einer Risikogruppe zu betreuen hat oder der pendeln muss, weil er/sie nicht im Betrieb wohnt. Das erklärt vielleicht manchmal, warum im einen Stall jeder Pferdebesitzer täglich eine Stunde zu seinem Pferd kommen darf, während im anderen Stall nur alle paar Tage Besuchszeiten vereinbart werden. Meist hat alles seinen guten Grund.

 


Oft steht man als Stallbetreiber vor der prekären Entscheidung, was man am dringendsten vermeiden will: rechtliche Konsequenzen, den Unmut seiner Einsteller oder das Risiko einer Ansteckung mit allen damit verbundenen möglichen Folgen (häusliche Quarantäne bzw. Gefährdung/Unterbrechung der Pferdeversorgung). Jeder, der in einer Ausnahmesituation wie dieser Verantwortung für andere tragen und Entscheidungen treffen muss, ist nicht zu beneiden und verdient vielleicht auch einen kleinen Vorschuss an Verständnis und Vertrauen. Wir werden diese Krise nur gemeinsam und im Miteinander gut bewältigen können – und das werden wir nur schaffen, wenn wir rücksichts- und respektvoll miteinander umgehen und uns auch hin und wieder in die Lage unseres Gegenüber versetzen. Vielleicht sind die folgenden Wünsche bzw. Ratschläge dabei hilfreich …

 


 

 


Liebe Pferdebesitzer,

 


Schützt diejenigen, die sich täglich um eure Pferde kümmern. Schätzt ehrlich ein, welcher Besuch notwendig ist und auf welchen ihr verzichten könnt.

 


Haltet euch an alle Hygienemaßnahmen. Auch an diejenigen, die ihr selbst als unnötig empfindet. Ebenso unschlüssig wie die Ausnahmeregelung für Pferdebetreuung ist derzeit nämlich auch der Wissensstand ob und wie lange sich die Viren auf unterschiedlichen Gegenständen halten können.

 


Fragt höflich und freundlich. Wir alle befinden uns in einer Ausnahmesituation, die unsere Geduld sehr strapaziert. Versucht trotzdem, oder gerade deshalb, auf euren Ton zu achten und eine gute Gesprächsbasis zu erhalten.

 


Helft euch gegenseitig. Wer in seiner Besuchszeit ein paar Minuten erübrigen kann, schaut noch schnell nach dem Pferd eines Stallkollegen, wechselt einen Verband oder putzt einfach ein bisschen Winterfell runter. Dieser Gefallen wird bestimmt erwidert.

 


Habt Verständnis und Geduld. Auch wenn ihr selbst frustriert seid, weil ihr nicht jederzeit in den Stall könnt, haben eure Stallbetreiber gerade unglaublich viel um die Ohren.

 


Motiviert und inspiriert euch gegenseitig und eure Pferde. Vom Reiten wird derzeit aus verschiedenen Gründen abgeraten. Es gibt aber tolle YouTube-Videos, Ebooks und Facebookgruppen zum Thema Bodenarbeit, Longieren, Stangentraining, uvm. Nützt die Gelegenheit euren Horizont zu erweitern und eurem Pferd trotzdem ein bisschen sinnvolles Training zu bieten. Teilt Links und Erfahrungen miteinander, schmiedet Pläne für gemeinsame Pferdeaktivitäten in der Zeit „danach“. Die moderne Technik erlaubt uns trotz social distancing verbunden zu bleiben. Nützen wir diese Möglichkeiten gerade auch in der Pferdecommunity, um uns gegenseitig Mut zu machen.

 


Sagt Danke. Wir alle sagen schon im „normalen“ Leben viel zu selten Danke. Gerade jetzt bedeutet dieses einfache Wort aber noch viel mehr als sonst. Zeigt euren Stallbetreibern, Pferdepflegern und Stallkollegen, dass ihr dankbar seid für die gute Betreuung eures Pferdes. Auch wenn nicht alles perfekt ist und ihr euch manches anders wünscht. Bedankt euch einfach für jene Dinge, die euch die schwierige Situation leichter aushalten und euch beruhigter zu Hause bleiben lassen.

 


 

 


Liebe Stallbetreiber,

 


Kommuniziert mit den Pferdebesitzern und informiert sie regelmäßig. Wenn ihr sie nicht ohnehin schon habt, gründet eine Whatsapp- oder Facebookgruppe. Es kostet euch wenige Minuten am Tag, ein paar nette Bilder von den Pferden zu machen und in die Gruppe zu stellen. Zeigt euren Einstellern, dass es ihren Lieblingen gut geht und ihr euch bemüht. Kontaktiert den Pferdebesitzer wenn eine Frage zu seinem Pferd auftaucht.

 


Erfüllt Wünsche. Natürlich muss der Arbeitsaufwand im Rahmen des möglichen bleiben, aber wenn es machbar ist, geht die extra Meile für eure Einsteller. Legt die Decke auf, um die ihr gebeten wurdet, auch wenn es nicht unbedingt nötig ist, mischt die Kräuter und das Mineralfutter nach Anleitung zusammen und sprüht mal ein bisschen Glanzspray auf die Mähne, damit sie nicht verfilzt bis zum nächsten Besuch des Pferdebesitzers. Nein, diese Dinge sind nicht unbedingt nötig, aber sie lassen eure Einsteller ruhiger schlafen und sorgen für mehr Harmonie zwischen allen Beteiligten.

 


Stellt klare Regeln auf und macht es den Pferdebesitzern leicht, sie zu befolgen. Stüberltüre zusperren, Hinweisschilder aufhängen, Besen, Mistgabel, etc. die ihr und eure Mitarbeiter benutzt vor der Besuchszeit wegräumen. Überall wo es geht Wasser, Seife und Desinfektion zur Verfügung stellen.

 


Bietet eure Unterstützung an. Auch hier gilt natürlich wieder – im Rahmen eurer Möglichkeiten. Etwas extra Auslauf, Hufe auskratzen, ein Verbandswechsel,… bietet freiwillig an, gewisse wichtige Aufgaben zu übernehmen, damit eure Einsteller beruhigt zu Hause bleiben können.

 


Geht nötige Kompromisse ein. Ein Pferd mit Vorerkrankungen oder einem akuten Problem braucht oft wirklich mehr Betreuungszeit als andere. Ein Tierarzt- oder Hufschmiedbesuch ist dringend nötig. Setzt Maßnahmen um euch, eure Mitarbeiter und andere Einsteller zu schützen, aber findet einen Weg um das Problem zu lösen.

 


Sagt Danke. Für das Verständnis, das Vertrauen und den Respekt, den eure Einsteller euch entgegenbringen. Auch von dieser Seite gilt: Gegenseitige Wertschätzung hilft!

 


 

 


Halten wir uns vor allem eines vor Augen: Alleingänge gibt es in der Pferdewelt nicht. Harmonie mit unserem Pferd, Rücksicht auf andere Reiter, Mithilfe im Stall, Tipps vom Trainer, Anweisungen vom Tierarzt – all das gehört für uns Pferdemenschen selbstverständlich mit dazu. Die Corona-Krise – die immer noch ganz am Anfang steht und uns noch Wochen oder sogar Monate in Beschlag nehmen wird – wird vor allem auch eine Charakterprobe für uns als Gesellschaft und für uns als Pferdemenschen sein. Versuchen wir, sie gemeinsam zu bestehen und gegenseitiges Verständnis aufzubringen, statt einfach stur an der eigenen Meinung oder dem letzten Facebook-Post festzuhalten. Halten wir – bitte – zusammen, auch wenn wir derzeit Abstand halten müssen.

 

Diesen Artikel findet ihr übrigens auch HIER auf der sehr empfehlenswerten Pferdeplattform propferd.at. 

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